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Boxcar Willie

Last Train To Heaven …..

Ein alter zerbeulter – mit Abzeichen gespickter – Hut, darunter eine ziemlich abgerissene Jacke und aus einer Tasche der großen gestreiften Latzhose ein rotes Tuch halb heraushängend, so kannte man ihn – und das fröhliche Lachen aus dem vollbärtigem Gesicht, das jetzt für immer verstummt ist.

Boxcar Willie
geb. am 01. September 1931 in Serratt,Texas
gest. am 12. April 1999 in Branson, Missouri

hat den Kampf gegen seine heimtückische Krankheit, die Leukämie, verloren. Schon 1996 stellte man bei ihm die Anzeichen der Krankheit fest und nachdem es 1997 so aussah, als ob man die Krankheit in den Griff bekommen hätte, kam bereits im Frühjahr 1998 ein Rückschlag. Alle guten Wünsche, die ihn erreichten, nützten letztendlich aber doch nichts. Trotz der weiter fortschreitenden Krankheit stand er im vergangenen Jahr immer wieder auf der Bühne seines Theaters und auch bei den Radio Shows aus der Grand Ole Opry war er noch – letztmalig am 8. und 9. Januar dieses Jahres mit dabei. Zu diesem Zeitpunkt hatte er aber bereits seine Auftritte für die Sommersaison 99, die in ca. 14 Tagen begonnen hätte, schon abgesagt.
Einer der urwüchsigsten und ehrlichsten Countrysänger unserer Tage, der mit seiner vollen Baritonstimme über die Eisenbahnen, Hobos und Honky-Tonks autentisch gesungen hat, aber auch Balladen von Glück oder Unglück, ja selbst „Schnulzen“ seinen eigenen Touch aufgedrückt hat und dessen „Markenzeichen“ das typische Geräusch einer Eisenbahnpfeife, das er täuschend echt nachmachen konnte, war, ist von uns gegangen.
Scheinbar über Nacht, wie ein Phoenix aus der Asche, war er damals aufgetaucht und das Publikum – zunächst in England, war begeistert! Wo aber kam dieser Country-Star auf einmal her?

Natürlich aus den U.S.A. – natürlich?, nein, so natürlich dann doch wohl nicht, denn da kannte man ihn gar nicht!!! Aber erzählen wir seine Geschichte der Reihe nach…….
Sein Vater, der ursprünglich aus Tennessee stammte, arbeitete bei der MTK (Missouri,Texas,Kansas) Railway und hatte für seine Familie eine Bleibe in der kleinen Ortschaft Sterratt Nähe Waxahachie gefunden. Dort wurde Lecil Travis Martin am 01.09.1931 geboren. Sie wohnten direkt neben den Eisenbahnschienen und das, was sein späteres „Markenzeichen“ werden sollte, also das typische Geräusch einer Eisenbahnpfeife, soll er bereits im zarten Alter von ca. 3 Jahren nachmachen haben können. Sein Vater spielte recht passabel auf der Fiddle und Lecil lernte Guitarre zu spielen und zu singen. Bereits mit 10 Jahren sang er bei Radioshows und – was heute schier undenkbar scheint – im Alter von 13 bereits mit einer Band in Honky Tonks! Seine großen Vorbilder waren die Country Stars der damaligen Zeit: Hank Williams Sr., Jimmie Rodgers, Roy Acuff und Ernest Tubb, zu denen später noch Lefty Frizzell dazu kam. Mit 16 Jahren arbeitete er schon als professioneller Musiker bei populären Radio Shows wie z.B. „Big D. Jamboree“ in Dallas , sowie für 4 bis 5 $ pro Nacht in Clubs und Honky Tonks, was zu der Zeit eine sehr gute Bezahlung für einen jungen Country-Musiker war. Doch schon bald darauf sollte eine einschneidende Veränderung seinem Leben eine Wende geben. Lecil Martin mußte zum Militär und er landete bei der Air Force. Er wurde zum Piloten ausgebildet und flog bereits im Korea Krieg (1950-53) B-29. Insgesamt war er 14 Jahre bei der Air Force und als Pilot von Transportmaschienen auch alle paar Monate kurzfristig in Deutschland. Wiesbaden und Berlin-Tempelhof, aber auch Garmisch mit den Erholungseinrichtungen für die G.I´s. und deren Angehörigen waren ihm gut bekannt. Zwar hatte er auch während seiner Militärdienstzeit seine Liebe zur Country-Music nicht vergessen, aber ernsthaft damit Geld zu verdienen, daran dachte er zu der Zeit nicht. Auch während der zwei Jahre, die er in Lincoln,Nebrasca lebte, war die Musik bei einer lokalen TV-Show mehr ein Nebenverdienst. Während der 60er Jahre arbeitet er u.A. auch als D.J. beim Sender KGEM in Boise,Idaho, bevor er 1970 wieder nach Texas zieht. Zu dem Zeitpunkt ist er bereits mit seiner Frau Lloene verheiratet, die all die Jahre treu zu ihm hielt und die ihn jetzt überlebt hat. Aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor, drei Töchter: Lorrie,Tammy und Paula Kay, sowie ein Sohn namens Larry.

Bevor er es dann 1975 mit 44 Jahren ernsthaft im Musicbusiness versucht, arbeitet er in verschiedenen Berufen. Teils als Pilot, Mechaniker, Verkäufer, auch wieder als D.J. und sogar eine Zeit lang als Golfplatzbetreiber. Es dann doch mit der Musik zu versuchen, wurde durch seine Frau unterstützt, die nicht nur selber sehr musikalisch war, sondern sich auch – genau wie Lecil – als Songwriter betätigte. Er selber hatte schon viele Songs geschrieben (insgesamt 383), darunter einen, der ihm etwas später auf eine Idee brachte.
„Die Idee zu dem Lied kam mir in Nebraska. In der offenen Tür eines Güterwagens sah ich einen Hobo sitzen, der so aussah wie mein Freund Willie Wilson. Deshalb gab ich ihm den Namen „Boxcar-Willie“ und gleichzeitig fiel mir der Text ein, den ich auf einem Briefumschlag schrieb.“ „Als ich dann 1976 in Fort Worth an meinem Album arbeitete, auf dem auch dieser Song ist, kam mir die Idee mit dem Hobo-Kostüm und ich wollte damals das Album schon unter dem Namen Boxcar-Willie aufnehmen, aber die Leute von der Plattenfirma machten nicht mit. So kam das Album, das übrigens nicht im Studio, sondern in meinem Wohnzimmer aufgenommen wurde, unter dem Namen Marty Martin auf den Markt.“ Obwohl er mit seiner Show und seinen Songs beim Publikum gut ankam, wollte keine große Plattenfirma anbeißen. In Nashville gab es mehr als genug Country-Musiker und Boxcar Willie paßte einfach nicht in das „Schubladen-Schema“ der Musikindustrie. Daß er dann doch noch entdeckt wurde, war ein Zufall. Bei einem seiner Auftritte im „Possum Holler“ ist der schottische Musikpromoter Drew Taylor anwesend. Dieser ist von der Musik und vom „Outfit“ begeistert und rechnet sich einen gewissen Erfolg damit für Großbritannien aus. Er fragt Boxcar Willie, ob er es nicht mal versuchen wolle, drüben in Old Europe. Obwohl er nicht so recht daran glaubt, sagt Boxcar Willie zu. Erst als 14 Tage später der Vertrag kommt, merkt er, daß es ja wohl doch ernst gemeint war. Mit einer noch nicht ausgeheilten Lungenentzündung setzt er sich ins Flugzeug und landet in England. Drew Taylor hatte alles vorbereitet und Boxcar Willie geht innerhalb von 12 Monaten viermal auf Tournee. Er ist überwältigt von dem Erfolg, den er hat. Auch seine LP´s verkaufen sich mehr als gut, allein im Rahmen des Wembley Festivals verkauft er 5000 Exemplare! Innerhalb dieses Festivals wird er zum „Most Promising International Artist“ benannt. Im Laufe des Sommers erhält er von der BCMA (British Country Music Association) den Award als „International Entertainer Of The Year“ und den Award „Song Of The Year“ für sein „Daddy was a railroad-man“. Zu der Zeit hat er schon vier LP´s mit beachtlichen Platzierungen in den britischen Country Charts!

Inzwischen hat sich der Erfolg, den er auf dem Kontinent hat, auch in den U.S.A. herumgesprochen, doch die großen Plattenlabel zögern immer noch. So kommt dann sein 1980 produziertes Album „King Of The Road“ auf dem Main Street Label (einer TV-Werbe u. Vertriebsfirma) heraus.
Dieses Album verkauft sich sehr gut, weltweit werden fast 3 Millionen Exemplare abgesetzt. Obwohl seine Songs von den Radio-Stationen nicht gespielt werden, wird er in der Heimat jetzt so bekannt, daß er 1981 von den Lesern der MUSIC CITY NEWS mit dem Award :“Most Promising Male Artist Of The Year“ ausgezeichnet wird! Zwischen 1980 und 1984 schafft er es sogar, daß er mit insgesamt 10 Singles in den Billboard Charts verzeichnet ist. In der Zwischenzeit waren auch die großen Labels auf ihn aufmerksam geworden und so veröffentlichte er , bevor er sein eigenes Label gründete, auch einige Alben bei MCA und RCA.
Aber soweit sind wir eigentlich noch gar nicht. Natürlich war er auch in den nächsten Jahren wieder viel in Großbritannien unterwegs, aber auch der Schritt auf den Kontinent ließ nicht mehr lange auf sich warten. Neben Holland war es vor allem auch Deutschland, wo er ja schon als G.I. gewesen war. Bereits 1980 machte er erste TV-Aufnahmen beim Bayerischen Rundfunk und 1981 war er als Gast in der Gunter Gabriel Show von der Funkausstellung in Berlin.
Ein ganz wichtiges Ereignis für ihn war, daß er am 21.02.1981 als Mitglied in die Grand Ole Opry aufgenommen wurde! Er wurde von keinem Geringeren als Roy Acuff dem Publikum präsentiert und es war für ihn eine große Ehre, daß er dessen „Wabash Cannonball“ singen durfte.
Beim 4. Country-Festival 1982 in Frankfurt/M. war er bereits einer der Stars und sang mit Bill Monroe im Duett „In The Pines“. Innerhalb dieser Festival-Tournee hatte er dann auch seinen 1. Auftritt in der Schweiz. Weitere Auftritte im deutschen Fernsehen folgten in den nächsten Jahren und Boxcar Willie wurde nicht nur bei den „reinen Countryfans“ bekannt. Auch in seiner Heimat wurde er immer beliebter und auch von den etablierten Country-Stars wurde er nicht nur akzeptiert, sondern gerne zu Shows und auch zu Plattensessions eingeladen. Einige recht interessante Duettaufnahmen sind das Ergebnis aus diesen „Begegnungen“. Ich glaube, Hank Williams Jr. (dessen Vater eines seiner großen Vorbilder war) war der Erste, der mit ihm einen Duettsong machte. „The Presure Is On“, war der Titel und ist auf dem Hank Williams Jr. Album : „Rambling In My Shoes“ zu hören.

 

Selbst Willie Nelson ließ es sich nicht nehmen, als Boxcar Willie 1985 in seinem Pedernales Studio ein Album aufnahm, bei einigen Songs mitzuwirken. Mit Ernest Tubb nahm er den Song „Driving Nails In My Coffin“ und mit Roy Acuff „Fireball Mail“ auf. Auch von Penny DeHaven und ihm gibt es einige Duettaufnahmen.
Auf seinem Album „Tear Jerkin´ Heart Breakin´ Hillbilly Songs“ kann er mit einer kleinen Sensation aufwarten! Ein bisher unveröffentlichter Song von Hank Williams Sr. „If I Didn´t Love You“ der von Hillous Butrum auf einer alten Transcription gefunden wurde. Er stellte Boxcar Willie den Song zur Verfügung, der natürlich sofort zugriff.
Selbst die Filmindustrie wurde auf ihn aufmerksam. In „Sweet Dreams“ der verfilmten Lebensgeschichte von Patsy Cline spielt er in einer Scene mit (der Zellennachbar von Patsy´s Eheman, der ihn, als dieser nach der Prügelei einsitzt, mit Zigaretten versorgt) aber auch in anderen Filmen spielte er mehr oder weniger größere Rollen.
Inzwischen hatte sich in Branson,Missouri ein neues Zentrum für Country Music etabliert und Boxcar Willie, der sich in Nashville nie so richtig wohl gefühlt hatte, zog dorthin. Er kauft sich das Wilkerson Theater, das ca. 900 Gästen Platz bietet und tritt dort während der Sommersaison an 6 Tagen in der Woche mit seiner Show auf. Zwei Sängerinnen, Mary Lou Turner (ehemals Bill Anderson Show) und Jeannie Bryant, sowie seine Band, die „Texas Trainmen“ mit Harlan Powell (steel, guitorgan a. comedy), Dawid Powell (piano), Chuck Jennings (lead-guitar, harmonica), Herrmann „The Hired Hand“ (guitar), Dale Morris (fiddle), Larry Cox (bass, fiddle) und Ron Thompson (drums) stehen ihm zur Seite. Tourneen finden jetzt nur noch im Winter statt und dadurch wurde es bei uns in den letzten Jahren etwas stiller um ihn. Direkt neben dem Theater entstand ein Tonstudio in dem er dann auch seine nächsten Alben für sein eigenes „GEM“ Label aufnahm (Vertrieb RCA?). Auch als Songwriter waren er und auch seine Frau immer wieder tätig. So sind z.B. auf dem Gospelalbum „Jesus Makes House Calls“ , das übrigens in Springfield,Missouri aufgenommen wurde, 3 Songs von Ehefrau Lloene und von den 11 Songs des Albums „Falling In Love“ sind gleich 9 aus ihrer Feder! Auf die Frage, welcher seiner songs ihm selber am besten gefällt, sagte er: „If They Ask Me To Sing About An Angel“ und „A Living Loving Angel“ – „beide habe ich für meine Frau geschrieben“.

Einen weiteren Song möchte ich persönlich an dieser Stelle mit einfügen, er hat ihn zusammen mit Vern Stoval und Bill Palmer geschrieben und mit diesem Song einem anderen, leider auch viel zu früh verstorbenen, Sänger ein musikalisches Denkmal gesetzt : „Lefty Left Us Lonely“. Ein Song der aus den Titeln der von Lefty Frizzell gesungenen Liedern besteht, die zu einer Geschichte zusammengefaßt wurden.
Neben seinem Theater und dem Plattenstudio ist ein interessantes Museum entstanden. Hier kann der Besucher manches über die Eisenbahn der früheren Jahre sehen und natürlich auch Alles, was Boxcar Willie im Laufe der Jahre von seinen Fans verehrt bekommen hat.
Ich weiß zwar nicht, ob – und wenn ja, wie lange – Mrs. Lloene Martin und ihre Töchter das Theater usw. noch betreiben werden, ich denke aber schon, daß der interessierte Fan zumindest einige Zeitlang noch sich an diese Adresse wenden kann um evtl. ein hier nicht mehr erhältliches Album zu beziehen.
Boxcar Willie Theatre, 3454 W. Highway 76, Branson,MO 65616

Wie ich eingangs schon schrieb, hatte sich seine Krankheit zwischendurch immer mal wieder unter Einfluß der Behandlung und der Medikamente gebessert, so daß zumindest zeitweilig die Hoffnung bestand, er könne es schaffen. Aber er selber muß gewußt oder zumindest geahnt haben, daß er diesen Kampf nicht gewinnen konnte.
Trotz aller Beschwerden und Schmerzen war es sein sehnlichster Wunsch noch einmal an der Grand Ole Opry aufzutreten, wie er seinem Freund und „auch Opry-Mitglied“ Porter Wagoner anvertraute. „Ich glaube,“ sagte Porter Wagoner „Gott gab ihm die Kraft dazu, dieses durchzustehen, obwohl es ihm bereits sehr schlecht ging. Aber es war nun einmal sein ganz großer Wunsch und das dieser doch noch in Erfüllung ging, war ein großer Segen für ihn.“
Während ich hier sitze und die letzten Zeilen schreibe – es ist kurz nach 22.00 Uhr, in Branson,MO dementsprechend 4 p.m. – hat dort im Theater die Trauerfeier für ihn begonnen. Die Beisetzung erfolgt anschließend auf dem Snapps Cemetery.
Boxcar Willie – ein herzensguter Mensch und ein großartiger Künstler ist mit ihm von uns gegangen. Aber die Erinnerung an ihn wird in unseren Herzen und in seiner Musik weiterleben.
Dieter Mühlena
Oberstdorf, den 17.04.1999

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