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Handsome Ned Masyk

Wenn die Zeit kommt, die Geschichte der Alt-Country-Musik niederzuschreiben, diejenige, die von Punk geprägt wurde, mag sie zwar von Amerikanern geschrieben, aber viele kanadische Künstler müssen unbedingt eingeschlossen werden.

Darunter gerade jene, die in ihrem eigenen Land gerne in Vergessenheit geraten.

Zweifellos gehören Jr. Gone Wild oder Uncle Tupelo in diese Kategorie. Auch Blue Rodeo, die zwar nicht so gross wurden wie die Jayhawks, aber beträchtlichen kommerziellen Erfolg feiern durften.

Handsome Ned Masyk (1957-87), um den es hier geht, war der Urvater der Rockabilly/Honkytonk/Cow-Punk Szene Kanada’s zu Beginn der 80-er Jahre.

Ned’s musikalische Karriere nahm 1979 ihren Anfang.

Nachdem er per Anhalter durch Kanada reiste und ein wenig in Austin, TX., hängen blieb, gründete Robin Masyk eine Rockabilly Band, the Velours. Mitgründer war Bruder Jim. „Die Velours brachten frühe Elvis-Stücke, Originale und Velvet Underground Covers“, erinnert sich Jim Masyk. „Eine Musik-Mischung aus verschiedensten Einflüssen. Wir haben „Sleepin‘ With The TV On“ von den Dictators vorgetragen und viele weitere Stücke. Als wir uns formierten, trug Ned seinen Cowboyhut und lange Koteletten. Wir machten Rockabilly mit etwas Country. Wir hatten nicht vor, damit das Country Musik Publikum verzücken. Die Leute in Toronto’s Queen Street wollten wir gewinnen.“

Allmählich änderte sich das Line-Up. Ein neuer Bandname musste her: The Sidewinders (1981). Diese Jungs trat zwar oft auf, machten aber nur wenige Demos. Zu den Mitgliedern gehörte u.a. der Schlagzeuger JD Weatherstone von den Demics. Oft absolviete die Band Gigs neben the Viletones und den One-Eyed Jacks (Mitglieder: ex-Forgotten Rebell Chris Houston und Gitarrist Steve Koch).

„Ich begann, mich mit Country zu befassen, nachdem ich Ned traf,“ bestätigt Koch. „Dieser Musikstil hat nie zu meiner Kindheit gehört. Aber jetzt war ich bereit, mich darauf einzulassen. Mir wurde langsam klar, dass es sich dabei keineswegs um eine tote Kunstrichtung handelte. Sie war aktuell, sprach zum Volk und handelte nicht bloss von Schall und Rauch. Den Inhalt machten die Worte und die Überzeugung aus“.

The Sidewinders produzierten schlussendlich eine unabhängige 45-er Scheibe namens „Put the blame on me„. Zur Rückseite wurde „Cryin‘ heartache misery“. Im Anschluss zog sich Jim vom Musizieren zurück. Ned machte ab 1983 solo weiter.

Doch vorderhand betrat am 9. Januar 1982 eine imposante Figur, mit einem grossen Cowboyhut bestückt, die Bühne von Toronto’s Cameron House. Dieser Outlaw nannte sich Handsome Ned. Er machte sich hemmungslos auf, eine 5-jährige Tradition einzuberufen, die Toronto’s Musik Gemeinde in der Folge erschüttern sollte.

1982 begann Ned nämlich für CKLN, einen Radiosender des Campus vor Ort, zu arbeiten. Seine Dienstagabend-Shows nannten sich „Honky tonk hardwood floor“. Ned bot jeweils Country, Rockabilly, Western Swing und Country Rock – neben modernem Cowpunk oder Nummern von Alt-Country Bands wie Blue Rodeo, Rank & File, Blasters, Long Riders, REM, Stray Cats, Razorbacks, Jr Gone Wild und den Bop Cats. Handsome Ned zählte zu den ersten Radioleuten, welche diese Musik regelmässig über einen Radiosender Kanada’s ausstrahlten. Jeden Samstagabend bestritt Handsome Ned seine Matinee. Dann war die Spelunke mit Punks, Rockers, Country Fans, New Wavern und allen angefüllt, die sich jeweils dort befanden, wo man „in“ war. Doch Ned besass nicht nur eine imposante Figur, der seine Stimme in nichts nachstand, er besass auch eine einnehmende Persönlichkeit. So war es ihm ein leichtes, den Country Musik-Charme seinem gemischten Publikum nahe zu bringen. Man beachte, dass dieser Musikstil damals nicht sehr gefragt war. Handsome Ned versteckte ihn nie oder versuchte ihn gar in eine moderne Form zu zwängen.

Statt dessen brachte er Country Musik mit solch feuriger Leidenschaft, dass diese ihre Wirkung schlichtweg nicht verfehlen konnte. Übrigens absolvierte Ned Masyk auch Live-Auftritte am Radio. Dabei unterstützten ihn diverse Bands.

1983 gründeten Koch und Ned gemeinsam die Outlaw-Country-Band Running Kind.

„Ich glaube mich zu erinnern, dass keiner in der Queen St. damals etwas ähnliches brachte,“ behauptet Koch. „Klar, es gab die professionellen Gruppen, die Country vortrugen. Wie’s immer war und immer sein wird. Aber die befanden sich nicht in der Innenstadt. Und wir brachten eine andere Perspektive ‚rein. Dank unseres musikalischen Hintergrundes.“

Noch im gleichen Jahr trennten sich die Sidewinders, denn Jim Masyk nahm, wie bereits erwähnt, einen Tagesjob an. Vor der Trennung veröffentlichte die Band „Put the Blame on Me„.

Ned’s wahrscheinlich stärkste Komposition wird in Bruce McDonald’s 1989-er Film Roadkill eingesetzt. Das Stück spielt, während die Good Friday Parade passender Weise Toronto’s College Street hinunter Revue passiert….

1984 sorgten Ned’s Samstagabendauftritte für DAS Ereignis der Queen Street. „Die ganze Szene drehte sich um Ned,“ bestätigt Jim Masyk. „Ich hab‘ keine Ahnung, wie viele Leute er kannte.“ Ned bestritt indes noch immer seine Solo-Nächte. Dann gründete er 2 neue Bands, The Hayseed Hellions und die Handsome Neds, die sich vor allem auf Western Swing und Cowpunk konzentrierten. Beide Ensembles machten Aufzeichnungen. Sie erschienen in jener Zeit jedoch nicht auf dem Markt. Denn trotz Ned’s Position als Anführer der Toronto-Szene zeigte die Kanadische Musikindustrie vorderhand wenig ernsthaftes Interesse.

1984 wurden also die Handsome Neds geboren. Als Mitglieder fungierten Koch, Weatherstone und der Kontrabassist Rene Fratura. Letzterer war gerade von Vancouver nach Toronto gezogen.

Sobald CFGM Radio mitmischte, nahmen die Dinge eine grosse Wende. Der Sender lud die Handsome Neds nämlich bald ein, sich an ihrem „Opry North“ Programm zu beteiligen. Die Übertragung erfolgte jeweils live aus der Birchmount Tavern in Scarborough. „Wir gaben die erste Zugabe des Programms“ behauptet Steve Koch. „Damit bewegten wir uns Richtung Mainstream. Doch Ned war nie daran interessiert. Er wusste stets, was er tat. Was die Anderen machten, war nicht dasselbe.“

Obwohl für die Handsome Neds alles bestens verlief, trennte sich die Band am dritten jährlichen Handsome Ned Picknick auf Toronto Island (1986). Kein grosser Tag für Ned: Seine Band mied ihn, die Gitarre wurde gestohlen und die Ordnungshüter mischten sich ein, nahmen alles Geld an sich. Die Polizei büsste ihn zudem, da er keine Lizenz für den Likörausschrank besass. „Wir alle wurden gebeten, den Ort zu verlassen. Wir weigerten uns aber“, erinnert sich Steve Koch. „Niemand spricht gerne darüber. Aber es gab Hasch-Probleme. Diese führten zu ‚wir wurden nicht bezahlt‘ Problemen. Wir verloren den Focus auf das, was wichtig war.“

Ned stellte in der Zwischenzeit unbeirrt die New Neds zusammen. Diese sollten im Januar 1987 ein komplettes Album machen. Doch im selben Monat, gerade bevor die Cameron Matinee tags darauf den fünften Geburtstag feiern konnte, erlag Handsome Ned in seinem geliebten Cameron House einer Heroin-Überdosis. Zurück liess er eine schockierte Menge, Freunde und Fans gleichermassen. Und eine Musik, die bis heute nach klingt.

Aber zurück zur Geschichte. Man plante, dass die Band 1 Woche nach Ned’s Tod (an einer Drogen-Überdosis) ins Studio gehen sollte, um neue Aufnahmen zu machen. Die Session wurde auf den Januar 1987 einberaumt. Aber der Tod vernichtete die gefassten Pläne.

Mit „The Ballad of Handsome Ned“ folgte stattdessen eine Zusammenstellung von Aufzeichnungen der Sidewinders und der Handsome Neds. 2 Songs (von Handsome Ned’s Single) wurden beigefügt.1989 erschien sie das Album bei Virgin Records.

Jenen Aufnahmen folgte das Video zum Song „Rockabilly Girls„. Kritiken erschienen, eine Juno Award (Kanada’s Grammys) Nomination kam zustande.

2000 gab Linkhorn Music die Doppel-CD „The name is Ned“ (durch Virgin vertrieben) heraus. Die Stücke stammen aus der LP, die nicht mehr erhältlich ist. Ergänzt werden die Titel durch Arbeiten der Hayseed Hellions plus Solo-Aufnahmen, die einst bei CKLN entstanden.

Der Präsident von Virgin Records, Kanada, Dough Chappelle, war ein Ned-Fan und hatte sich des öfteren mit dem Verstorbenen unterhalten. Auch über einen Plattendeal wurde kurz vor Ned’s Tod gesprochen. Dank ihm und Jim Masyk, der Ned’s Audio-Archive durchsucht hatte, konnte das zweiteilige CD-Set produziert werden. Darin enthalten sind Versionen jeder Studio Session, die Ned bestritt. Selbst Live Solo-Radio-Auftritte bei CKLN sind vorhanden. Die Bereitwilligkeit EMI’s Kanada, Ned’s Testament zu veröffentlichen, zeugt davon, dass Handsome Ned ein grösseres Publikum hatte, als man vermuten würde.

„Die Reflektion ist nützlich“, meinte Masyk betreffend Sammlung. „Nicht nur für mich persönlich, der inzwischen besser versteht, in welche Richtung sich Ned’s Musik hin bewegte. Das Album ist für mich und die Fans gleichermassen wertvoll. Sollte die Arbeit anderen ebenfalls gefallen, habe ich nichts dagegen. Das war Ned. Die CD hält ihn am Leben. Sie wiedergibt was er sagte, wie er war. Sein Charakter kommt voll durch. Der Tonträger porträtiert nicht nur seinen Gesang, seine Aktivitäten, die Radioshows oder seine Bühnenpräsenz. Das Produkt zeigt, wie er war, wenn er mit Freunden ‚rumsass und Bier trank.“

Gastspiele von Blue Rodeo, Murray McLauchlin, Lydia Lunch, Johnny MacLoed, Keith Whittaker von den Demics, Tonny Kenny von den Razorbacks und Billy Rogers von den Heartbreakers sorgen für einen besonderen Reiz. Ausführliche Liner-Notes inklusive. Im Jahr ihres Erscheinens wurde die CD zur drittbesten Toronto Veröffentlichung des Jahres (Now Magazin) gewählt.

Linkhorn Music brachte zudem die „best of“ Sammlung mit dem amerikanischen Sänger Dennis Jay und dem Toronto Sänger John Borra auf den Markt. Letzterer hat ein Cover von Ned’s „Ain’t no room for cheatin‘“ auf der Indie-CD „Live every Saturday…The Graffiti’s Matinee“ im Jahr 2002 veröffentlicht.

„Ned war der King, ein Szenenkenner,“ meint Blue Rodeo’s Greg Keelor. „Dank Ned hatte Blue Rodeo Arbeit. Am Valentin-Tag absolvierten wir bei ihm unseren ersten oder zweiten Auftritt.“

Ned’s Gesang passte zu seiner Ausstrahlung. In seiner Stimme sind Spuren aller Rockabilly- Grössen des Sun Record Studios aus den 50er Jahren zu finden – der Mut eines Johnny Cash, die Süsse eines Roy Orbison und der unmissverständliche Schwung eines Elvis Presley.

„Er besass eine erstaunliche Stimme“, gibt Steve Koch zu. „Manchmal denke ich, die Aufnahmen werden ihm nicht gerecht. Seine Stimme war lauter als alle, die ich kenne. Auch besass Handsome Ned Durchhaltevermögen und die notwendige Kontrolle. Der Sound ist ehrlich. Er sprach genau so, wie er sang. Es gibt nichts Unnatürliches daran. Solche Leute liegen mir.“

Sobald sich Ned’s Tod herumsprach, trafen sich Freunde und Fans im Cameron. „Ein plötzliches Erwachen. Alle wussten, wohin sie gehen mussten.“ Ein paar Tage nach seinem Begräbnis arrangierte man eine Autoprozession die Queen Street hinunter. Und wie beim Tod einer bekannten Persönlichkeit bildeten sich entlang der Strasse Menschenschlangen. „Hunderte von Leuten, die Ned kannten, standen da. Um die 50 Autos beteiligten sich.“

Von den Medien wurde Ned’s Tod zu einer Mischung aus Drogensensation und wertvollen musikalischen Erinnerungen gemacht.

„Die Medien brauchen beständig etwas Sensationelles“, realisiert Steve Koch.“ Auf diese Art und Weise lassen sich Zeitungen verkaufen. Man kann nicht verschweigen, dass Ned an einer Überdosis starb – es ist wahr, also gibt es nichts zu verstecken. Aber viele Zeitungen hielten glücklicherweise die Wichtigkeit seiner Musik fest. Oder sie bezogen sich auf das, was Ned getan hat.“

„Wir waren geschockt“, erinnert sich Steve Koch. „Wir mussten einsehen, dass alles vergangen war. Ned war nun auf dem Weg zu Neuerem, Grösserem und Besserem.“

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